Fraktionslose Mitglieder
im Europäischen Parlament
Guten Morgen Professorin Langner. Glauben sie noch an das Überleben der Menschheit, oder gar- an eine bessere Welt?
Ja, die Welt braucht die Menschen und die Welt ist so gut, wie die gerade in ihr lebenden Menschen diese Welt gestalten. Ohne Welt gibt es keine Menschen aber ohne Menschen wird es diese unsere Welt auch nicht geben.
Kinder und Jugendlichen - das wäre mein unwissender Kritikpunkt - werden von Beginn der Schulzeit an, auf eine kapitalistische Wettbewerbsgesellschaft vorbereitet, die inzwischen mehr als fragwürdig geworden ist. Individualität wird nicht besonders gefördert - die Lesekompetenz nimmt ab, der Aufmerksamkeitsdiebstahl durch Apps und Endgeräte wächst - mit welcher Ausgangssituation haben sie es zu tun?
Die individuellen Lernausgangsbedingungen werden vielfältiger und eigentlich bedient dieses Wirtschaftssystem auch gern die Individualität, aber in Schule wird der Individualität nicht entsprochen. Möglicherweise weil es auch nicht darum geht, die Potentiale der jeweiligen Schüler:innen zu entdecken und zu fördern, sondern sie zu ausführenden Arbeitern zu machen.
Was macht die Universitätsschule anders?
Die Grundidee der USD ist es, individuelle Lern- und Entwicklungswege in kooperativen Lernprozessen zu ermöglichen. Dafür muss Schule neu organisiert werden, und zwar vom Kind aus und nicht vom Einsatz der Lehrkräfte. Zum anderen soll es nicht darum gehen, den Kids das Wissen reinzustopfen, sondern sie sollen sich bilden. Es geht darum, Menschen für ihre Zukunft vorzubereiten.
Wie sieht das konkret aus?
In der Primarstufe lernen hier Kinder von der 1. bis 3. in jahrgangsgemischten Gruppen über 3 Stunden am Vormittag zusammen (ohne fest im Stundenplan vorgeplante Pause). Hier lernen sie mit ganz viel Material die grundlegenden Kulturtechniken – und das nicht, weil ihnen jemand sagt, dass für sie der Ernst des Lebens beginnt, sondern weil sie es wollen. Sie haben Fragen an die Welt und diese wollen sie sich beantworten. Dafür brauchen sie die Kulturtechniken, wenn sie nicht immer um Hilfe bitten wollen, und dem Menschen ist auch ein Autonomiestreben inne. Sie können sich über 3 Stunden konzentrieren, weil sie dazu weder stillsitzen müssen noch überhaupt sitzen müssen.
Es erfolgt keine klassische Disziplinierung, das heißt nicht, dass es ohne Regeln geht, im Gegenteil: Wenn alle etwas Unterschiedliches machen, braucht es umso mehr Rücksicht auf die anderen.
In der Universitätsschule gibt es bis zum 9. Jahrgang keine Noten. Welche Wirkung hat das auf Kinder?
Für die Schüler:innen ist es häufig eine Erleichterung. Wir haben viele Kinder und Jugendliche, die nicht selten schon eine Schulbiographie haben, die von Versagensängsten geprägt ist, da sind Noten einmal mehr vernichtende Urteile … Nichtsdestotrotz wollen sich die Schülerinnen und Schüler an der USD gern messen und dazu sind Ziffernnoten besser geeignet – und es ist für sie kein Problem ab der Klassenstufe 9 zu Noten zu switchen.
Der 7. und 8. Jahrgang bildet mit der Jugendstufe eine der interessantesten Entwicklungsphasen – es wird die eigene Identität ausgebildet, im Gehirn vollziehen sich grundlegende Umorganisationen – in der klassischen Schule brechen in dieser Phase die Schulnoten ein. Ja weil diese Form der kognitiven Arbeit nur bedingt den Bedarfen der Jugendlichen entspricht. In der Universitätsschule Dresden antworten wir darauf mit der Jugendschule, einem Format in dem Schüler:innen in Arbeit kommen – und zwar an realistischen Problemen, die sie lösen. Schüler sind aller 6 Wochen außerhalb von Schule und müssen dort Landwirtschaft betreiben, arbeiten auch in einer Holzwerkstatt und müssen sich selbst verpflegen. In der direkten Auseinandersetzung mit der Umwelt lernen sie sich und ihre Bedarfe kennen.
An der USD gibt es außerdem keine Lehrer, sondern "LernbegleiterInnen".
Es geht uns darum, dass Lehrkräfte Begleiter sind, das heißt sie haben die Verantwortung das Lernumfeld zu bereiten, sie haben aber nicht die Aufgabe etwas zu lehren, denn nur wenn die Kids selbst tätig werden, können sie auch lernen. Solange Lehrer Vorträge halten, lernen diese selbst - aber nicht die Schülerinnen und Schüler.
Schüler arbeiten an holistischen Projekten, die verschiedene Fähigkeiten fordern. Dies ist die Projektarbeit, die festes Kernstück in der USD ist und auf den Erziehungswissenschaftler Georg Feuser zurückgeht. Der sagt, nur an einem gemeinsamen Gegenstand schaffen wir es, dass Kids mit unterschiedlichen Lernausgangslagen kooperativ zusammen arbeiten auf ihrem jeweiligen Niveau.
Aber was ist mit Selektion? Es muss doch Selektion geben, oder?
Keine Selektion nach der 4. Klasse – genau es gibt keine Selektion - weil Entwicklung nicht vorausgesehen werden kann und Entwicklung von jedem Individuum und dessen jeweiligen Tun abhängig ist. Das kann auch kein Lehrer verhindern, nur stark behindern.
Und was ist mit Schulbüchern?
Wir haben Lernbausteine: Schüler:innen können sich ihr Thema jeden Tag selbst wählen. Lernbausteine bedeuten, das Schulbuch ist in kleinste Einheiten zerschnitten, da ein Schulbuch immer eine gleichschrittige, lineare Aneignungslogik für eine homogene Gruppe vorgibt. Dies entspricht aber nicht dem USD-Konzept. Dass Schüler sich Lernbausteine passend zu ihren Projektfragen suchen, ist die logische Konsequenz, denn wir wollen ja, dass die Schüler:innen wirkliche Erkenntnis vollziehen können.
Die SchülerInnen haben um die 40 Urlaubstage, die sie selbst einteilen können.
Eine unglaubliche Entlastung zum einen für die Eltern, die vorher an feste Ferientermine gebunden waren, aber auch für die SchülerInnen, die selbst entscheiden können, wann sie Urlaub benötigen. Welche Vorteile hat das System außerdem?
Das Ziel des Projektes ist die flexible Urlaubsplanung von 40h umzusetzen, dies hat mehrere Gründe, zum einen ist Zeit die einfachste Form der Differenzierung im Lernprozess, zum anderen wird den Tendenzen des gleichschrittigen Lernens entgegengetreten. Zum Dritten sind lange Schulferien für Schüler und Schülerinnen aus einer benachteiligten Familiensituation immer die Zeit, die den Entwicklungsprozess hemmt bzw. erschwert.
Wissen Kinder und Jugendliche oft selbst am besten, wie und was sie lernen wollen?
Sie wissen es, wenn sie gelernt haben mit ihren Wünschen, Interessen umzugehen, und wenn sie gelernt haben zu lernen, sich selbst zu regulieren. Ein guter Pädagoge ist dabei aber nicht überflüssig.
Wird die Gesellschaft, bis der erste Jahrgang ihre Schule verlässt, so weit sein, dass es für selbstständig denkende junge Menschen genügend Raum geben wird?
Ich bin keine Hellseherin. Die Gesellschaft braucht selbstständig denkende jungen Menschen, die Gesellschaft gestalten. In der USD lernen Sie sich zu beteiligen und sich ihres Verstandes zu bedienen. Wir haben damit den Weg geebnet, dass sie sich an der Gestaltung der zukünftigen Gesellschaft beteiligen und sie so gestalten, wie es sinnvoll für sie ist.